VIERKLANG DER ÖKUMENE

Christlicher Convent Deutschland – Eine Orientierung zum Anliegen und Ziel

Dr. theol. Heinrich Christian Rust            CCD II - Kirchheim 1. Juli 2019

 

Gottes Vaterherz ist nicht geteilt. Er hat zwar viele Kinder und auch viele Wohnungen. Er ist nicht nur gegenwärtig im Himmel, sondern hat uns durch Jesus Christus hier auf der Erde aufgesucht. Christus hat uns den Himmel geöffnet. Das Reich Gottes ist Realität.  Seine Liebe und Gnade gelten ausnahmslos allen Menschen, ja, seiner ganzen Schöpfung. Er wohnt bei uns. Er lebt in uns durch den Heiligen Geist. 

Jeder Mensch, der Jesus als Heiland erfährt und Herrn bekennt, ist so zu einem Sakrament, einem Heiligtum Gottes geworden. Gott hat viele Wohnungen. Es gibt gegenwärtig etwa 42 000 christliche Denominationen weltweit. Die Vielzahl der Kirchen, Freikirchen und Gemeinschaften kann ein Spiegelbild einer immer komplexer werdenden Welt sein. Ebenso kann sie als Ausdruck der Tiefe, Weite und Größe des Evangeliums gedeutet werden. Allein die Zerrissenheit des Leibes Christi, die Spaltungen und Streitereien seiner Kinder führen wohl zu  einem unaussprechlichen Schmerzen im Vaterherz Gottes. 

Die Rückbesinnung auf unsere schöpfungsgemäße, nationale oder auch konfessionelle Identität darf doch nicht zu einer Abgrenzung, zu gegenseitigen Verurteilung, zu Nationalismus und Konfessionalismus und fromm getarnten Protektionismus führen! Die Zeit der Grabenkämpfe der Frommen soll ein Ende haben! 

1. "KOMMT ZUSAMMEN UND SUCHT MEIN ANGESICHT!" -

DER AUFRUF ZUR EINHEIT

„Kommt zusammen und sucht mein Angesicht!“ unabhängig voneinander haben im Jahr 2015 Verantwortungsträger aus unterschiedlichen christlichen Konfessionen, Verbänden und  Netzwerken dieses Reden Gottes vernommen. Offenbar liegt es Gott auf dem Herzen. Das, was wir an Einheit* der Christen in unserem Land gegenwärtig leben, wird für die Zukunft der Kirche Jesu hier nicht ausreichen. Wie glaubwürdig ist denn eine Kirche, die in sich zerstritten ist oder wo sich die „Geschwister“ duldend und tolerant aus dem Wege gehen, um weitere Konflikte zu vermeiden?

Welchen Einfluss haben wir Christen in unserer Gesellschaft, die sich zunehmend vom Christentum verabschiedet?  Wir brauchen eine neue Qualität der Ökumene, der Einheit derer, die sich in unserem Land zu Jesus Christus bekennen. Und das nicht nur weil unser Zeugnis sonst unglaubwürdig ist, sondern weil die Angriffe auf Christen sich nicht nur auf einzelne Konfessionen beziehen werden.  Wir sind doch Geschwister! Jeder, der Jesus als HERRN bekennt, ist mein Bruder, ist meine Schwester! 

Sicher haben wir uns im Trägerkreis gefragt, ob das, was wir an ökumenischer Einheit in unserem Land bereits haben, nicht ausreichend ist. Wir haben die Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen, die die Zusammenschlüsse der Evangelischen Allianz oder die Vereinigung der Freikirchen. Zudem haben wir christliche Netzwerke und Initiativen wie beispielsweise die Bewegung „Miteinander für Europa“ oder das „Treffen der Verantwortlichen“. Wir haben auch eine zunehmend evangelistisch-missionarische Zusammenarbeit, z.B. bei Bewegungen wie Pro Christ oder Willow Creek. Reicht das nicht? Zudem sind fast alle Frauen und Männer, die in einer nationalen Verantwortung für unser Land leben, bis an die Oberkante terminlich belegt und gefragt. Wozu braucht es da noch einen solchen Christlichen Convent? 

Als Initiatoren fanden wir zunächst auch keine klare Antwort auf diese Frage, aber eines wussten wir: Wenn wir jetzt nicht zusammenkommen, verpassen wir ein Herzensanliegen Gottes. Und so haben wir zunächst immer mehr Leiterinnen und Leiter von Kirchen, Gemeinschaften und christlichen Netzwerken in Deutschland eingeladen, die dann 2018 mit 40 Personen einen Trägerkreis gebildet haben. 

Als wir dann im Juni 2018 hier in Kirchheim erstmalig in einer großen Runde zusammenkamen, hat Gott uns in der Vielfalt der Beiträge und des Miteinanders aufgezeigt, wie umfassend wir Ökumene, die Einheit der Christen verstehen dürfen.  Am Ende hörten wir einen „Vierklang der Ökumene“, die unter uns wahrnehmbar war. Dieser Vierklang ist wahrzunehmen, wenn wir die Abschiedsreden Jesu,  in Sonderheit seine Worte im Gebet um die Einheit (Joh 17, 15-26) beherzigen.

2. DER VIERKLANG DER ÖKUMENE - DIE MATRIX DER EINHEIT 

1

DIE ÖKUMENE DER WAHRHEIT 

(THEOLOGIE)

„ Heilige sie in der Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit.“ (Jh. 17,17)

Wir alle haben das gleiche Wort Jesu; jedoch haben wir nicht alle die gleichen theologischen Erkenntnisse. So erfreulich die große Schnittmenge in den christlichen Bekenntnissen der Kirchen auch ist, - besonders in der Erlösungslehre (Soteriologie), so herausfordernd ist es auch, wenn sich unsere Schlussfolgerungen aus der Begegnung mit der Wahrheit Christi und seinem Wort der Wahrheit, doch unterscheiden oder sogar widersprechen.  Nicht unsere Theologien halten uns zusammen, sondern Christus selber und sein Wort. Mit aufgeschlagener Bibel und Christus im Herzen brauchen wir weiterhin diesen theologischen Diskurs, wohlwissend, dass alle unsere Erkenntnis hier auf der Erde fragmentarisch , bzw. Stückwerk ist (1. Kor 13,9f).

2

DIE ÖKUMENE DER SENDUNG

(MISSIOLOGIE)

„ Gleichwie du mich in die Welt gesandt hast, sende ich auch sie in die Welt.“ (Jh** 17,18)

Keine Kirche und Bewegung kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie allein diesen Sendungsauftrag Jesu habe. Wir verstehen ihn in dem umfassenden, ganzheitlichen Sinn von Heil und Wohl, von Evangelisation und Diakonie bzw. Barmherzigkeit.  Wir unterstützen die diversen missionarisch-evangelistischen Zusammenarbeiten. Die Kirche Jesu ist eine Mission. Ohne Christuserkenntnis gibt es kein Leben (1 Joh 4,4). Mission ist nicht nur einem Teil der Kirche zugeordnet, sondern jedem Christenmenschen. 

Das Ziel der Mission ist, „dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1 Tim 2,4). Die Mission ist keine Empfehlung unseres Herrn, sondern sie gehört untrennbar zu ihm. Evangelisation und Diakonie/Charitas haben das Ziel, dass Gott im Himmel geehrt wird (Mt 5,16).  Bei wachsender Säkularisierung in unserem Land ist es geboten, alle Kräfte in der Mission zu bündeln und einander zu unterstützen und zusammenzuarbeiten, wo immer sich eine Möglichkeit bietet.

3

DIE ÖKUMENE DER HERZEN 

(SPIRITUALITÄT / GEMEINSCHAFT)

„…dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir, auf dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“  (Jh 17,21)

Auch wenn wir in theologischen Fragen noch Gesprächsbedarf behalten, so dürfen wir doch jetzt schon wahrnehmen, dass die Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist (Röm 5,5). Wir glauben uns unseren Glauben, weil die Liebe Gottes uns verbindet. Wir teilen den Schmerz und die Freude, die Hoffnung und den Trost des Evangeliums. „Keine Konfession fängt die Taube des Heiligen Geistes für sich allein ein“ (Bernhard von Clairvaux). Wir brauchen die Ergänzung, die gemeinsame Wertschätzung, die Kommunikation der Herzen.  Diese Versöhnung der Erlösten ist der Humusboden für das Gedeihen des notwendigen theologischen Diskurses** und zugleich ausschlaggebend für die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses.

Die Ökumene der Herzen ist kein Beiwerk oder ein Vorprogramm für die Mission bzw. den theologischen Diskurs.  In dem Maß, wie uns dieses versöhnte Miteinander zwischen den Generationen, den Geschlechtern, den Konfessionen, Kulturen und Nationen gelingt, werden wir in dieser sozial auseinander- driftenden Welt an „Licht -und Salzkraft“ gewinnen und Hoffnungsträger sein.  Es geht bei der Einheit der Herzen um den Austausch von Christuserfahrungen, um gemeinsame Gebete und eine „Ökumene der Teilhabe“ (Siegfried Großmann.) Hier wollen und werden wir bei unserem diesjährigen CCD einen Schwerpunkt haben. 

4

DIE ÖKUMENE DER HERRLICHKEIT

(DOXOLOGIE)

„ Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, aufdass sie eins seien, gleichwie wir eins sind.“(Jh 17,22)        

Die Herrlichkeit (Gr.Doxa) breitet sich aus wie ein Glanz der Ewigkeit in dieser Zeitlichkeit. Sie steht für die Schönheit, die Ruhe (Sabbat), die Gottesgegenwart und – kraft. Wo die Herrlichkeit Gottes ist, da feiern wir in aller Vorläufigkeit, die Nähe Gottes. Wir beten den Dreieinen Gott gemeinsam an, wir singen ihm Dank und Lob zu, wir erleben seine Freude, seinen Frieden und seine Freiheit. Die Anbetung, die gottesdienstliche Feier, soll sich nicht nur auf unsere Zusammenkünfte beziehen, sondern auf unser gesamtes Leben. Wir wollen etwas sein, zum „Lob seiner Herrlichkeit“ (Eph 1,12). Die Gegenwart Gottes hat prägende und verändernde Wirkung auf uns, in uns und durch uns.  Am Ende der Zeiten steht die Frage der Anbetung und nicht die Frage des Erfolgs.

Diese vier Dimensionen der Ökumene korrespondieren miteinander und bedingen sich einander. Sie sind konstitutiv für die Einheit der Christen und für die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses in unserem Land. 

3. ES GEHT NICHT ALLEIN UM DIE ZUKUNFT DER KIRCHE, SONDERN UM DIE ZUKUNFT DES REICHES GOTTES

Die Gemeinde Jesu Christi, seine Kirche, ist das Labor des Reiches Gottes. Das Reich Gottes ereignet sich jedoch nicht nur in der Gemeinde, bzw. in den Kirchen.  Es breitet sich aus in alle Bereiche des Lebens. Christen sind nicht nur Berufene, wenn sie innerhalb der Kirchen und Gemeinschaften Verantwortung übernehmen, sondern ebenfalls in den unterschiedlichen Gesellschafts- und Kulturbereichen. Der CCD will nicht nur nationale Verantwortungsträger aus den Kirchen sammeln, sondern gleichsam aus weiteren Kernbereichen des gesellschaftlich-kulturellen Lebens. 

 

Mission zielt nicht nur auf die Rettung der Menschen aus der Verlorenheit und Gottesferne, sondern auf die Transformation der Welt. „Dein Reich komme, wie im Himmel so auf Erden!“

(Mt 6,10)  Dieses Gebet verbindet uns. So erwarten wir einen Aufbruch zu einer Reichs-Gottes-Bewegung, in der Christen in den unterschiedlichen Kultur-und Gesellschaftsbereichen das Zeugnis von Christus vorleben und einbringen (Wirtschaft und  Arbeit; Politik und Verwaltung; Medien und Kommunikation, Kunst und Entspannung; Familie und Partnerschaft; Wissenschaft und Forschung; Frieden und Gerechtigkeit; Bewahrung der Schöpfung und Nachhaltigkeit). 

Um diese Wirklichkeit des Reiches Gottes in unserer Zeit und in unserem Land gezielt und auch in der Kraft Gottes gemeinsam zu fördern, fragen wir konsequent danach, was der Geist Gottes den Gemeinden, den Kirchen in unserem Land sagt. Wir gehen davon aus, dass Gott lebendig ist und auch heute mit uns lebendig kommuniziert. Wie aber nehmen wir sein Reden wahr? Was hören wir? Wie hören wir? 

Wir wollen es wagen, bei diesem Convent in einen gemeinsamen Prozess der Wahrnehmung zu kommen. Wir nehmen uns einander wahr, wir nehmen wahr, was Gott einem jeden von uns anvertraut und aufs Herz gelegt hat. Wir wollen hören auf prophetische Impulse, auf Worte der Weisheit und der Erkenntnis, auf wegweisende Lehre. Ohne das Reden Gottes verblasst unsere Hoffnung und wir versumpfen in der Aporie, in der Ratlosigkeit. Doch davon hat diese Welt genug. Wir wollen gemeinsam auf Gott hören, weil wir gemeinsam zu ihm gehören und so Botschafter der Hoffnung sein, die wir in Christus für diese Welt haben. 

*„Noch sind die Christen zwar getrennt, aber der Geist will sie einen…Und heute geht es um ein so elementares Bekenntnis zum Christentum überhaupt, dass demgegenüber die traditionellen Unterschiede der Kirchenlehre ihre Bedeutung verlieren“ (Wilckens, Ulrich/ Kaspar, Walter: Weckruf Ökumene. Was die Einheit der Christen voranbringt. Freiburg i.Br. 2017, 156f). 

** „Das Band zwischen der Erfahrung der Ökumene und der Theologie der Ökumene darf nicht reißen, ebenso wenig wie die Verbindung zwischen Basis und den Amtskirchen. Die Dynamik geht heute weithin von der geistlichen Ökumene aus, und so wird es die Aufgabe der Amtskirchen sein, den Anschluss nicht zu verlieren.“ (Großmann, Siegfried: Ökumene der Teilhabe. In: Theol. Gespräch 42/2018. S.187)